von Hildesheim nach Einbeck

Ganz früh breche ich heute auf, da das Wetter instabil ist und ich keine Lust habe, auf dem Radweg zu baden. Trotzdem muss ich in Hildesheim schnell nochmal zum Marktplatz, um dass Gebäudeensemble im Morgenlicht zu sehen.

Ich werfe auch noch einen Blick in den Magdalenengarten und mache mich dann wieder auf den Weg gen Süden.

Na, das ist ja toll. Wenn heute irgendetwas mit mir schief geht (mit Hunden oder so…) bin ich wenigstens gleich an der Tür zum Himmel. Aber wahrscheinlich komme ich da erst gar nicht an, sondern nehme gleich den Weg in die Hölle. Da ist es schön warm, meine Freunde sind dort und da ist auch nicht das ganze Engelsgedöns. Sorry, ich kenne einige wirklich liebe Menschen, die ich sehr mag und die an Engel glauben, aber ich tue es eben nicht.

Ziemlich ereignislos geht es so dahin und bei Nordstemmen erreiche ich wieder das Leinetal. Am Horizont zeichnet sich das Weserbergland ab.

Ich komme an Schloss Brüggen vorbei, das sich im Privatbesitz befindet. Ich traue mich nicht dichter dran. Die haben vielleicht Hunde.

Als ich so vor mich hinradle gehen mir die Engel nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe Bekannte, die fahren mit dem Auto in eine überfüllte Innenstadt und bestellen sich vorher bei ihrem Engel einen Parkplatz. Und sie bekommen ihn, sagen sie. Ob jeder seinen eigenen Engel hat? Oder gibt es einen für alle? Mit Sicherheit hatte ich bei der Nummer mit den Kampfhunden einen Schutzengel, der ganz schön ins Schwitzen kam.
Ich beschließe, nicht immer alles abzuwiegeln, sondern einen Testlauf zu machen. Der nächste größere Ort ist Alfeld. Da gibt es die Lateinschule, ein wunderschönes frei stehendes Fachwerkhaus. Ich hätte so gerne Sonnenschein, wenn ich da bin, für ein schönes Foto. Also lieber Engel, bitte mach das. Derzeit ist es ziemlich bedeckt, aber solche Systeme müssen ja unter allen Bedingungen, auch den schwierigen, funktionieren, sagt die Naturwissenschaftlerin in mir.

Endlich komme ich in Alfeld an der Lateinschule an und lasse das jetzt unkommentiert.

Das Haus wurde 1610 erbaut und mehrfach restauriert. Heute beherbergt es ein Museum. In Alfeld gibt es übrigens auch ein Schnarchmuseum. Und nein, ich muss nicht alles sehen und auch nicht hören.

Die Lateinschule ist ein sehr gutes Beispiel für den Stil der Weserrenaissance.

Das Rathaus in Alfeld.

Von meinem Engel ein bisschen verunsichert, entere ich das Eiscafe „Venezia“ und fülle meine leeren Glycogenspeicher. Bei den Naturwissenschaften fühle ich mich sicher. Für alle, die es noch nicht wissen: in jedem größeren Ort finde ich zum Zeitpunkt des Zuckertiefs ein Eiscafe „Venezia“. Das ist ein Phänomen und bei allen Fahrradreisen so.

Auch in Alfeld gibt es ein UNESCO Erbe. Die Fagus Werke sind ein Industriekulturdenkmal, das als Erstlingswerk von Walter Gropius entworfen wurde. Als Bauhaus-Fan will ich mir das natürlich nicht entgehen lassen. Schnell finde ich ein Hinweisschild für einen Radweg dorthin. Leider führt der überall hin, nur nicht zu Fagus. Ich drehe mich 3 Mal im Kreis und fluche leise vor mich hin.
Da kommt ein Mann mittleren Alters auf mich zugestürmt:
„Hallo, sie sehen so suchend aus. Ich bin der Fahrradbeauftragte der Stadt Alfeld und habe gerade festgestellt, dass das Schild da vorne in die falsche Richtung weist. Kann ich ihnen helfen?“
Ich sage: „Oh wie toll. Gut, dass ich sie treffe!“
Ich denke: „Hallo Engel!“
Er weist mir den richtigen Weg und ich radle hin.

Fagus heißt auf lateinisch „Buche“ und daraus wurden die Schuhleisten hergestellt, für die die Fabrik ursprünglich gebaut wurde. Im Stil des Bauhauses repräsentiert sie eine Architekturauffassung, die in der damaligen Zeit erstmals die Bedürfnisse nach Licht, Luft und Klarheit berücksichtigte. Sie gilt weltweit als Ursprungsbau der Moderne. Man kann dort auch an Führungen teilnehmen. Ich denke, wie so oft bei dieser Tour: Hier muss ich nochmal herkommen und mir Zeit nehmen.

Für heute soll es genug sein und ich mache mich nach einem sehr interessanten Austausch mit der Dame am Empfang und einem Motorbiker aus Bielefeld über die Schönheit Deutschlands wieder auf den Weg.

Plötzlich entdecke ich eine Mitfahrerin. Sie war auf einmal da, hat sich einfach angeheftet (wie auch immer) und will auch nicht mehr gehen. Blinde Passagierin, Trittbrettfahrerin, Schwarzfahrerin oder einfach ein Lebewesen was Hilfe oder Gesellschaft braucht? Bei Menschen, die sich einem anschließen, weiß man das ja auch oft nicht so genau oder erst hinterher.

Kurz vor Einbeck trifft der Leine-Heide-Radweg auf den Europa-Radweg R1, den ich im letzten Jahr von der Weser bis zur Elbe geradelt bin. Die Radlerdichte nimmt jetzt rasant zu. Richtig vollbepackte Freaks mit 4 Taschen und Campingrolle ohne Motor kommen mir entgegen, wahrscheinlich nicht ahnend in welchen Zustand sich der Radweg weiter im Osten befindet. Die Armen!
Ich konnte eines der letzten Zimmer in der Innenstadt von Einbeck ergattern und zehn Minuten vor einem kräftigen Regenguss komme ich im Hotel an. Geht doch!
Einbeck ist eine Station der „Deutschen Fachwerkstraße“ und wirklich toll.

Vor allem das alte Rathaus ist sehenswert und es ist das Aushängeschild der Stadt neben dem Einbecker Bier natürlich.

Da ich schon mal hier war, weiß ich auch wo ich esse. Die einheimische Kost hier ist sehr, sehr deftig und ich verzichte zugunsten von Mykonos.

von Hannover nach Hildesheim

In Hannover besuche ich zum Abschied noch den Holzmarkt zur Einstimmung auf die vielen Fachwerkbauten der kommenden Tage.

Und dann geht es früh los. Es ist mit Absicht nur eine kurze Strecke geplant, da ich Hildesheim besuchen möchte. Immer am Maschsee entlang verlasse ich die Stadt.

Völlig stress- und autofrei radelt man aus einer Großstadt hinaus. Wie toll ist das denn!
Stress- und autofrei und auch ereignislos geht es weiter immer durch Wald und zwischen Teichen und den Koldinger Seen und Flussarmen dahin.

In Sarstedt verlasse ich den Leine-Heide-Radweg und nehme den direkten Weg nach Hildesheim. Ich war noch nie dort und sehe im Moment auch keinen Grund, dass ich in nächster Zeit wieder hierher komme. Daher möchte ich mir die Stadt ein wenig genauer anschauen. Gibt es doch jede Menge UNESCO-Weltkulturerbestätten. Und ich werde nicht enttäuscht. Am Marktplatz, der guten Stube Hildesheims starte ich am Rathaus.

Die Andreaskirche ist zwar nicht offen, aber man kann den Turm besteigen. Ich sehe schon wie der Liebste jetzt augenrollend mit dem Kopf schüttelt. Er hat nämlich ein Trauma von einem Toscana-Urlaub, in dem ich jeden Campanile besteigen musste. Ich finde Perspektivwechsel einfach schön und wichtig. Mit jeden Schritt nach oben wird die Welt da unten kleiner und anders. Es sind viele Schritte auf den Andreasturm. Man kann bis ganz nach oben klettern.

Und dann kannste halt schön runter gucken. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Ich finde, der Schweiß hat sich gelohnt. Als ich ein bisschen geschafft wieder unten ankomme, spricht mich ein wildfremder Mann an:
„Sie waren doch nicht etwa da oben!?“
Noch ein Traumatisierter.

Ich spaziere weiter zum Dom.

In der kompletten Umgebung des Doms ist es ganz still. Keine Cafes, keine Läden, nur ein kleiner Park und überraschenderweise keine Touristen. Der Mariendom ist Teil des UNESCO Weltkulturerbes und geht zurück auf das 11. Jahrhundert. Damit ist er einer der ältesten Bischofskirchen Deutschlands.
Im Innern bin ich so allein wie auf dem Vorplatz.
Mit einem Durchmesser von über sechs Metern, ist der Heziloleuchter einer der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Radleuchter im deutschsprachigen Raum. Bischof Hezilo hat die monumentale Lichterkrone 1061 für den wiederhergestellten Dom gestiftet. Lateinische Inschriften teilen Botschaften mit, die den Radleuchter als Sinnbild des himmlischen Jerusalem erkennen lassen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird der Dom von Bomben getroffen. Die Nordseite, das Querhaus und der Ostchor stürzen ein. Die Dächer und Westtürme brennen aus. Der Tausendjährige Rosenstock, der über die Jahrhunderte die Domapsis umrankt hatte, ging in der Bombennacht ebenfalls in Flammen auf. Doch acht Wochen nach der völligen Zerstörung des Hildesheimer Doms sprossen aus seiner von Trümmern verschütteten Wurzel 25 neue Triebe hervor. Noch heute rankt der Tausendjährige Rosenstock am Hildesheimer Dom empor und ist eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Ich schlendere weiter.

Und erreiche mein persönliches Highlight in der St. Michaeliskirche, ebenfalls Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Vor Jahrzehnten schon habe ich der christlichen Kirche abgeschworen, aber aus kultureller Sicht gehe ich die Kirchen wirklich gern besichtigen.
St. Michaelis ist eine romanische Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Es ist wieder still. Wieder kein Rummel, wieder keine Touristen. Sonderbar und wunderbar.

Das Innere beeindruckt durch schlichte Schönheit.

Ich bin wieder allein in der Kirche und wieder ist da ein Organist und spielt und erfüllt den kompletten Raum mit Musik.

Als er kurz innehält, spreche ich ihn an und sage „danke“ für den tollen Moment. Dann spielt er nochmal und ich habe das Gefühl, er tut es mit noch mehr Inbrunst und ein bisschen auch für mich.

Hildesheim gehört zu den kulturhistorisch interessantesten Städten Norddeutschlands und es gibt mit Sicherheit noch viel mehr zu sehen und zu erzählen.
Ich schließe den Kreis heute wieder auf dem Marktplatz beim Rolandbrunnen und dem Gildehaus der Knochenhauer. Und diese Art von Kultur mag ich besonders.

von Essel nach Hannover

Nur schwer kann ich mich von meinem kleinen Paradies in Essel trennen.

Tolle Menschen, stilvolles Ambiente, himmlische Ruhe, ein beeindruckender Sternenhimmel und (wie schön) ein freundliches „Miau“

Aber wie so oft im Leben, müssen die kleinen Annehmlichkeiten dem großen Ziel weichen und so schwinge ich mich wieder auf mein Fahrrad.
In Schwarmstedt ist noch schönes altes Fachwerk erhalten und überall sieht man diese witzigen Gartenhäuschen, als Geräteschuppen, als Hundehütten und zur Zierde. Wahrscheinlich wollen alle den ortsansässigen Künstler unterstützen.

Ich fahre auf dem Leine-Heide Radweg weiter und der ist hier einigermaßen „naturnah“

Aber schön.

Die St. Osdag Kirche in Mandelsloh aus dem 12. Jahrhundert zählt zu den ältesten Backsteinbauten Niedersachsens. Der Glockenturm wurde anstelle einer Wehrturms errichtet.

Im Inneren befinden sich an den Wänden mittelalterliche Wandmalereien.

Vor der Kirche steht ein wirklich schönes Monument für die Kinder dieser Welt.

Dann läuft es auf dem Radweg wieder besser. Voller neuer Energie aus dem Ruhetag trete ich in die Pedale und schieße, sage und schreibe, 4 Mal an den Abzweigungen für den Radweg vorbei.

Bis zu einer ehemaligen Ziegelei und einer alten Zehentscheune. Dort gibt es einen Parkplatz und eine touristische Informationstafel „hier sehen sie eine ehemalige Ziegelei usw, usw …. und eine Zehentscheune , die ursprünglich in Neustadt stand usw. usw…..“ Es gibt einen alten Zaun und das Tor steht offen. Ich gehe hinein, um mir die Scheune anzuschauen und freue mich, dass das Tor aussieht wie der Himmel.

Wie durch eine innere Eingebung verzichte ich auf einen Besuch der Ziegelei, nicht ahnend, dass das eine der besten Entscheidungen meines Lebens sein sollte. Gerade als ich durch das offene Tor zurück gehe, bebt fast der Boden unter meinen Füßen und ein Rudel Listenhunde, (ich glaube Staffordshires) stürmt aggressiv bellend und sabbernd auf mich zu, 5 richtig große und 3 kleine einer anderen Sorte. Ich sende ein Stoßgebet zum Himmel, dass die das offene Tor ignorieren und gehe zu meinem Fahrrad. Die Biester drehen fast durch, bleiben aber hinter dem Zaun. (andernfalls wäre dieser Bericht sicher nicht entstanden).

Wie gelähmt fahre ich zum nächsten Dorf. Dort spreche ich eine Passantin an und berichte von meinem Erlebnis. Sie bietet mir sofort einen Kaffee auf ihrer Terrasse an. Vermutlich lag meine Gesichtsfarbe irgendwo zwischen heidschnuckengrau und schafweiß.
„Ja, das wissen wir.“ sagt sie „Das kommt immer wieder vor. Das ist dem Nachbarn neulich auch passiert. Der hatte richtig Angst“
„Waaaas?“
Das wissen die! Das kommt immer wieder vor! Was ist, wenn da Kinder hingehen? Und keiner unternimmt etwas? Da muss das Tor zu sein und ein Schild hin: Vorsicht Lebensgefahr!

Kopfschüttelnd radle ich weiter. Ich fasse es nicht! In meinem Kopfkino entsteht ein ziemlich blutrünstiger „Was-wäre-eigentlich -gewesen-wenn-ich-3-Minuten-länger-geschaut-hätte“- Film. Und weil ich gerade beim Thema bin, folge ich einem Schild „Friedhof“ und zwar ein jüdischer.

Wieder auf dem Radweg macht sich die Überzeugung breit, dass das vielleicht die natürliche Touristenauslese der Stadt Neustadt am Rübenberge ist. Wer so neugierig ist und überall schauen will, der überlebt halt nicht. Meinen Frieden finde ich erst wieder als ich meine Empörung in der Touristeninformation hinterlassen habe. Nicht auszudenken, wenn das Kindern passiert. Man zeigt Verständnis und verspricht sich drum zu kümmern. Hoffentlich! In der Stadt gibt es nicht viel zu sehen. Das Schloss ist eine Baustelle und auch sonst bin ich gerade ein bisschen eingeschüchtert.

Es gibt hier noch einen Leinewasserfall und ich denke, dass da ja nicht viel passieren kann. War auch so. Da fällt auch kein Wasser. In Ermangelung von Bergen, von denen Wasser herunterfallen könnte, wird eben jedes Wehr zum Wasserfall.

In Ricklingen treffe ich nochmal auf ein Kleinod. Die Schlosskirche wurde auf einer Düne errichtet. Der instabile Untergrund zwang zum Abbruch der Turmgeschosse.

Der barocke Innenraum ist mit prächtigen Stuck- und Schnitzarbeiten ausgestattet. Kurz vor mir kam die Organistin. Gerade als ich alleine in der Kirche bin, beginnt sie zu spielen. Ich setze mich und komme endlich zur Ruhe und mir fällt Antonia aus Sylt wieder ein. Manchmal passiert genau das, was man in dem Moment am Nötigsten braucht. Es ist so schön, wenn andere Menschen dafür sorgen, dass es geschieht.

Der weitere Weg nach Hannover ist unspektakulär. Erst die Herrenhäuser Gärten locken mich wieder an. Sehr gerne hätte ich sie besucht, aber man darf das Fahrrad nicht mit hinein nehmen. Es war sehr viel los und ich habe mich nicht getraut, das Fahrrad mit dem ganzen Gepäck einfach davor stehen zu lassen. EIN Abenteuer reicht pro Tag. So bleibt mir nur der Blick von Außen.

Dafür fahre ich an der Leibnitz-Universität vorbei. Dort haben sie eine sehr engagierte Fakultät für Meteorologie. Jahrelange habe ich am Flughafen regelmäßig Besuch von einem Professor mit seinen Studenten bekommen und wir hatten immer einen tollen Austausch. Die machen richtig viel meteorologische Forschungsarbeit. Kein Wunder, dass man in so einem schönen Gebäude gut denken kann.

Ein großartiges Gebäude für großartige Musik – das Opernhaus. Auf einer Reise in den Himalaya hatte ich mal einen Cellisten aus dem hiesigen Opernorchester kennengelernt. Ein total schräger Typ. Ob er wohl noch spielt? Was einem so alles wieder einfällt, immerhin war das 2004.

Zum Abschluss des Tages schlendere ich noch ein bisschen durch die Stadt und besuche den Maschpark und das imposante Rathaus und dann ist es auch genug für heute.

von Bad Fallingbostel nach Essel

Er war einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Zeit, er war ein kritischer Journalist und zugleich Naturschützer und Jäger, der sich schon damals für seltene Pflanzen und Tierarten und den Naturschutz engagiert hat und er war und ist bis heute der weltweit bekannteste Heidedichter. Herrmann Löns. Anstatt wie damals üblich, die Heide als trist verrufenen Heide- und Moor-Landschaft zu sehen, betrachtete er sie als heilbringende Flora und Fauna mit ihren unzähligen heimischen Tierarten. Dadurch verhalf er dem Ansehen der Heide zu einem „wunderschönen Land“. Zusammen mit Pastor Bode und weiteren Naturschützern, gelang es ihm, die Lüneburger Heide als Naturschutzgebiet anerkennen zu lassen. Wenn Löns und die anderen Mitstreiter dies damals nicht so konsequent angegangen wären, gäbe es die Lüneburge Heide in ihrer jetzigen Form heute wohl gar nicht mehr.
Ich mache mich auf den Weg und besuche seine Gedenkstätte in der Tietlinger Wacholderheide bei Walsrode.

Lange läuft man auf sandigen Wegen durch typischen Heidewald.

Bis man schließlich an einem ganz besonderen Platz eine Gedenkstätte erreicht.

Höret

Es gibt nichts Totes auf der Welt, hat alles sein´ Verstand,
es lebt das öde Felsenriff, es lebt der dürre Strand.

Lass deine Augen offen sein, geschlossen deinen Mund
und wandle still, so werden dir geheime Dinge kund.

Dann weißt du, was der Rabe ruft und was die Eule singt,
aus jedes Wesens Stimme, dir ein lieber Gruß erklingt.

Hermann Löns
(1866 – 1914)

Wie wahr und in diesem Sinne radle ich weiter.

Das alte Rathaus in Walsrode erinnert mich sofort an die wunderschönen Städte in Masuren.

Das Kloster in Walsrode ist eine weitläufige Anlage. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 986, also vor weit über tausend Jahren. Heute ist es ein Frauenstift. Seine wechselvolle Geschichte sorgte dafür, dass viele Kunstschätze und die alte Bausubstanz zerstört wurden, so dass heute überwiegend Bauten aus dem 18. Jahrhundert zu sehen sind, wie das bekannte Lange Haus von 1720. 

Ich bin ganz allein in den stillen Gängen. Nur eine alte Standuhr tickt laut vor sich hin.

Die Kirche ist leider geschlossen, wie das oft bei evangelischen Kirchen der Fall ist.

Dafür gibt es einen Klostersee.

Alles in Walsrode ist auf den Weltvogelpark fokussiert. Das ist allerdings an einem Samstag in den Sommerferien kein guter Ort für eine Fernradlerin. Vielleicht später mal.

Für mich geht es auf dem Leine-Heide Radweg weiter. Leider ist es nicht das erste Mal, dass mir dieses Schild begegnet.
Hey, Leute! Radwege sind zum Radfahren und nicht zum Radschieben da. Und wenn euer Radweg kaputt ist, müsst ihr ihn eben reparieren. Ich fahre trotzdem und bereue es.

Ein echtes Kleinod im Heidekreis ist die Kirche von Meinerdingen. Wunderschön mit angebautem Holzglockenturm. Gleich nebenan ist das Standesamt. Das gefällt mir tausend Mal besser als Heiraten auf dem Schafhof.

Und dann kommt das Highlight dieses Tages. Da muss ich hin.

Ich erkläre der freundlichen Dame aus Polen an der Kasse mein Problem: Ich möchte die Beeren pflücken und dann gleich essen, weil ich sie ja nicht transportieren kann und frage nach einem Gefäß. Sie bietet mir einen Eimer an. Nein, so viel nicht. Da winkt sie in Richtung Feld „no problem, geh einfach essen“ und ich marschiere los.
Ich war noch nie auf einer Heidelbeerplantage und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich auch nicht wusste wie Kulturheidelbeeren wachsen. Natürlich kenne ich die Heidelbeeren, die ich als Kind mit meiner Oma und meinem Opa immer im Wald geholt habe. Flach am Boden wachsend und mühsam zu pflücken, zumindest für Oma und Opa. Hinterher war alles tagelang dunkelblau. Aber das hier ist anders. Die wachsen einem fast in den Mund. Reisen bildet eben.

70 ha Plantage gibt es hier und alles Bio. Ich futtere bis ich nicht mehr kann. Noch nie habe ich so leckere Heidelbeeren gegessen. Ja, sie sind frisch und saftig, aber sie sind eben auch freundlichst geschenkt und überraschend genau im richtigen Moment des Radlerzuckertiefs aufgetaucht. Sie sind mit Emotionen versehen worden und dadurch besonders.

Ich hinterlasse eine großzügige Spende für die Kaffeekasse und bin glücklich, nicht ahnend, dass das noch steigerungsfähig ist.

Blaubeerkuchen, Blaubeersahnetorte, Blaubeercremetorte, Blaubeerjoghurt, Blaubeersaft, Blaubeermuffins usw. Ich entscheide mich, wie könnte es anders sein, für Blaubeereis. Boah, war das lecker!

Hier geht es jetzt über die Aller.

In Ahlden an der Aller besuche ich das Schloss, welches heute ein Kunstauktionshaus beherbergt und sich im Privatbesitz befindet. Der Schlossherr höchstpersönlich lässt mich in den Innenhof.

Bei der Bothmer Mühle erreiche ich schließlich die Leine, deren Verlauf ich nun einige Tage folgen werde. Die Heide liegt hinter mir.

Das heutige Ziel ist mein ganz persönliches Heideparadies. Da der Grat zwischen Trainingseffekt und Überlastungseffekt bei einer solchen Tour schmal ist, braucht es einen Ruhetag. Außerdem müssen das Fahrrad gewartet, die Wäsche gewaschen und die Oma gepflegt werden. Das alles gönne ich mir in Essel bei Schwarmstedt in einem Kälberstall.

Ich warte jetzt nur noch auf ein freundliches „Miau“ auf meiner Terrasse.

Es ist natürlich ein e h e m a l i g e r Kälberstall. Zum Glück kein Schafstall 🙂

von Schneverdingen nach Bad Fallingbostel

Immer wieder stelle ich fest, dass so eine Tour auch eine Metapher für ein gelebtes Leben sein kann.
Ich stehe heute Morgen mit einem kompletten Plan auf. Ich will früh los, in Soltau schön draußen frühstücken, einen Garten besuchen und auf mehr oder weniger guten Radwege durch die Heide tingeln. Die Bedingungen sind am PC gecheckt, alles ist bereit
Es ist alles gut bis ich aus dem Fenster schaue. Regen! Von der norddeutschen Sorte. Der sieht aus wie Niesel und nach 10 Minuten ist man völlig durchnässt.
Wie oft habe ich es in meinem Leben erfahren müssen, dass ich geglaubt habe, dass alles gut ist und dann kam ohne Vorwarnung alles ganz anders, im Freundes- und Bekanntenkreis, im Job, in der Familie. Da ist man froh um jeden, der einem hilft. Heute morgen die freundliche Hausdame, die mich die Check-out Zeit überschreiten lässt. Oder man ist gut vorbereitet, heute morgen mit meiner unanständig teuren Regenhose. Schnell krame ich den einzigen kleinen Luxus, den ich dabei habe, aus meiner Tasche, tue mir etwas Gutes und denke dabei an meine liebe Freundin Sylvia. Sie weiß warum.

Und jetzt? Da die APP des Deutschen Wetterdienstes den Regen nicht erkennt, weiß ich auch nicht wie es weitergeht. Wie im richtigen Leben im ersten Moment des Schocks. Irgendwann gebe ich alle Pläne auf, mummle mich ein und starte. Schön ist anders, aber da muss man halt durch. Nach einiger Zeit ist dieser neue Zustand ja auch schon ein bisschen Gewohnheit. Bonjour Tristesse!

Aber dann, ganz plötzlich, stellt man fest „er ist weg…..“ der Regen oder eben der Schmerz der Enttäuschung. Und dann ist es ja auch wieder schön und ganz langsam wird man von dem Gegenwind wieder trocken und warm gepustet.

Und die Welt glitzert wieder und die Tränen trocknen.

Die Schuhe, auf denen man stehen und weiter gehen muss, trocknen als Letztes. Wohl dem, der da nicht „kalte Füße“ bekommt und sich künftig nichts mehr traut.
Für mich geht die Reise weiter zu einem Schafhof, den man besichtigen kann. Man sieht die Tiere nicht (bei der Wetter geht anscheinend kein Schaf vor die Tür), dafür hört und riecht man sie.

Hier ist das örtliche Standesamt untergebracht und man kann in der Schafhütte heiraten. Auf dem kleinen grünen Schild über der Tür steht „Duck di“ . Niemals würde ich hier heiraten, da man ja nicht weiß für wen diese Aufforderung in der Ehe gelten soll.

Dann komme ich an einem überdimensionalen Steingarten vorbei. Was will der Errichter mir damit sagen? Vielleicht sind das Metaphern aus seinem Leben. Wer weiß.

Schließlich erreiche ich Soltau. Zwar nicht zum Frühstück, sondern zur Mittagspause, aber immerhin draußen und im Eiscafe Venezia. Die Welt ist wieder im Lot.

Soltau ist wirklich ein hübsches Heidestädtchen.

Aber das mit den Schafen macht mir ein bisschen zu schaf.en. Da fängt man ja irgendwann an zu meckern.

Den Breidingsgarten darf ich auch noch genießen. Man soll einfach Pläne nicht voreilig aufgeben. Die 10 ha große Anlage liegt mitten in der Stadt und es ist viel mehr als nur ein Garten. Es ist ein Landschaftspark, es sind Wälder und Obstwiesen und eben der Garten.

Die Weiterfahrt geht mal über schmale Holperwege und mal lange auf tollen, sehr ruhigen Wegen durch den Wald. Mir begegnet kaum jemand.

Oft komme ich an großen Höfen oder Gestüten und an wahnsinnig schönen Gärten und Grundstücken vorbei.

Wie gerne würde ich so leben. Ich hätte dann endlich meine Katzenpension für die Einäugigen und die Dreibeinigen und die ohne Schwanz, die keiner mehr will. Ich würde sie alle verwöhnen und sie alle lieben. Ich würde ihnen Mäuse fangen, wenn sie nicht mehr laufen können und sie dürften in meinem Garten über die Regenbogenbrücke gehen……


Erfreulicherweise leben hier außer Schafen auch noch andere Tiere.

In Dorfmark gibt es einen tausend Jahre alten Friedhof mit wunderschönen alten Bäumen und alten Grabsteinen und eine Heidekirche, an deren Außenfassade es sehr gut erhaltenen Grabplatten zu bestaunen gibt.

Auf dem Dorfmarker Marktplatz wurde 2001 ein Denkmal für „Grefel Dorjen“, einer urtümlichen Dorfmarker Bürgerin errichtet. Es zeigt sie mit ihren liebsten Weggefährten, einer Ziege und einer Katze.

Dazu gibt es eine Geschichte und die geht so:
Dorothea Grünhagen – so lautete ihr eigentliche Name-wurde 1854 geboren. Sie errichtete 1911 ihre Hofstelle in Obereinzingen. Da diese dicht am sogenannten „Grefel“ gelegen war, wurde sie bald nur noch „Grefel Dorjen“ genannt. Sie führte ein eigenwilliges, grundehrliches Einsiedlerleben. Sie war ehelos. In jungen Jahren hatte sie einen Verehrer, der versprach, sie zu heiraten, wenn er in Amerika genug Geld verdient hatte. Als er nach vielen Jahren wohlhabend und sichtlich gealtert zurück kam, um sein Versprechen einzulösen, hat sie ihn mit den Worten abgewiesen: “ Gar man wedder door hen, wo du her kamen büst, ick kann die nu ok nich mehr bruken“

Tja , so ist das. Die Erkenntnis des Tages: Man soll nie auf morgen warten. Auch nicht, wenn es draußen regnet. Es könnte zu spät sein.

von Hamburg nach Schneverdingen

Die Reinfahrt nach Hamburg über Wedel und Blankenese war gestern wirklich schön. Die Rausfahrt durch den Südhafen und Wilhelmsburg stelle ich mir nicht so toll vor. Daher fahre ich nach Hamburg-Harburg mit der S-Bahn. Ich finde, das kann man verantworten, ohne die Sylt-Oberstorf-Idee zu gefährden.
Sobald ich ein bisschen mühsam die Stadt verlassen habe, tauche ich in einen großen Stadtwald ein, der nahtlos in einen richtigen Wald übergeht. Lange geht es immer geradeaus und man kann wunderbar radeln.

Buchholz in der Nordheide ist der erste größere und leider ein bisschen nichtssagende Ort.

Ich komme an einem Schmetterlingspark vorbei und denke „Warum nicht?“. Also Gepäck abschnallen, Fahrrad parken und rein.

Bein Rausgehen denke ich „Warum?“ Kann man machen, muss man aber nicht.

Der Wald öffnet sich auf dem weiteren Weg erst kurz vor Undeloh und gibt den Blick auf die Heide frei.

Ich komme an wirklich traumhaften Heidehäusern auf noch viel traumhafteren Grundstücken vorbei.

Undeloh hat sich aufgrund strenger Bauvorschriften den Heidecharme erhalten. Sehenswert ist die alte Fachwerkkirche St. Magdalenen aus dem 12. Jahrhundert mit dem frei stehenden Glockenturm und einem Triumphkreuz im Inneren.

Solche Orte locken natürlich Touristen an, vermutlich besonders viele Bustouristen zu Tagesausflügen. Kaffeefahrten oder so. Daher gibt es auch einen Touristenmarkt. Bis gestern im Kärcherzentrum in Wedel war ich der Meinung, dass ich die Nummer mit den Schafen jetzt hinter mir habe. Aber weit gefehlt. Hier werde ich mit Schafprodukten konfrontiert, die mir kalte Schauer über den Rücken jagen.
Nein, ich möchte nicht auf einem Schaffell durch Deutschland reiten. Auch nicht in „gefleckt“. Und nein ich möchte auch nicht auf „pink“ liegen.

Die Heidelandschaft kann man von hier aus nur zu Fuß, mit dem Fahrrad, hoch zu Ross oder in einer Kutsche erkunden.

Wilsede ist komplett autofrei und voll mit Restaurants für Touristen. Da kommt es dann schon mal zu selten dämlichen und grenzwertigen Lockrufen nach ebendiesen.

Das kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Ich schaffe mir meine eigene Außengastronomie.

Und dann das! Jetzt erst weiß ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hat.

Ich bin jetzt mitten in der Lüneburger Heide und damit im größten zusammenhängenden Heidegebiet Mitteleuropas. Die Landschaft ist wirklich außergewöhnlich.

Auf dem Radweg kann man sich entscheiden zwischen ganz tiefem Sand, Kopfsteinpflaster oder nicht so tiefem Sand, Mein Radl hat das aber gut gemeistert, ohne mir die Bandscheiben und das Gehirn neu zu sortieren. Und ich beschließe, irgendwann nochmal hierher zu kommen, wenn die Heide blüht. Dann auf jeden Fall wieder mit dem Fahrrad. Auch wenn das Fahren ein bisschen mühsam ist und ich heute Abend tatsächlich 500 Höhenmeter auf dem Tacho habe. Es ist hier das ideale Fortbewegungsmittel, um nicht nur dabei, sondern mittendrin zu sein.

Nach meiner Ankunft in Schneverdingen besuche ich den Heidegarten am Höpen, einem Landschaftsschutzgebiet mit allen Facetten der Heide..

Im letzten, weichen Licht des Tages ist das ein wahnsinnig schöner Ort, der Ruhe, Frieden und Gelassenheit ausstrahlt.

Die kulinarische Welt ist hier auch in Ordnung. Eiscafe Venezia 🙂 Es läuft.

Zum Abschluss des Tages gönne ich mir noch einen Superlativ. Die Sonnenuhr in Schneverdingen ist eine der Größten Deutschlands. Sie ist 16,5 m hoch und hat einen Durchmesser von 30,5 m. Die Spitze ihres „Uhrzeigers“ zeigt nach Norden direkt auf den Polarstern.
Das Ziffernblatt der Uhr wird dargestellt durch Findlinge. Der Uhrzeiger ist ein schräger Metallstab. Dieser verläuft entsprechend unserem Breitengrad (53,07 Grad) parallel zur Erdachse (Nord-Süd-Pol).
Na, wenn das nix ist!

von Glückstadt nach Hamburg

Es regnet. Ich trinke noch eine Tasse Kaffee und beschließe, meine Abfahrt in Glückstadt um eine Stunde zu verschieben. In aller Ruhe belade ich mein Fahrrad. Dabei treffe ich einen Mitradler mit einem wunderschönen Carbon-Gravelbike und Oberschenkeln, die den Umfang meiner Hüfte haben. Bei dem Wo-kommste-her-wo willste-hin-Gespräch erfahre ich von schwindelerregenden Tagesetappen. Getrieben von Leistungsdruck muss er mit seinem dünnen Windjäckchen (Corbonräder können leider keine richtigen Gepäckträger aufnehmen) in den norddeutschen Regen. Der Arme!
Lange habe ich mir Gedanken darüber gemacht, welche Philosophie ich bei meiner Tour leben will.
Die erste Idee war:
Ich fahre durch Deutschland, treffe Freunde und Bekannte und wer will kann ein Stück mit mir fahren. Das habe ich schnell verworfen. Zu viele Terminkalender und schwer zu organisieren. Inzwischen bin ich froh darüber, denn ich möchte bei der Tour in meiner eigenen Mitte bleiben und das kann ich nicht, wenn ich auf jemanden Rücksicht nehmen muss. Ich werde den anderen dann nicht gerecht. Außerdem muss ich, wenn ich fotografieren will, und das will ich natürlich, dauernd anhalten. Das ist niemanden zuzumuten. So bleibt es bei kurzen Begegnungen an meinem Weg, wenn es für alle passt, wie heute in Hamburg. Es war sooo schön.
Mit Freunden werde ich später radeln. Dafür werde ich extra anreisen und ihnen ohne Projekt meine volle Aufmerksamkeit schenken, auf sie Rücksicht nehmen und ganz bei ihnen sein, an der Schlei, an der Isar, an der Sieg, an der Saale oder wo auch immer.
Genauso verworfen habe ich diese Idee:
Ich schaue mir möglichst viel an und mache auch größere Abstecher. Das findet kein Ende und man verzettelt sich. Es gibt nämlich immer noch etwas, was man noch nicht kennt.
So habe ich mich dafür entschieden, allein und zielgerichtet durch Deutschland zu radeln und genau das zu genießen, was auf meinem Weg auf mich wartet und an mir vorbei zieht. Das klappt bisher hervorragend.


Nun geht es aber los. Ich darf den schönen Marktplatz von Glückstadt jetzt sogar nochmal bei Sonnenschein genießen und radle am Hafen entlang wieder auf dem Elberadweg gen Süden.

Auf dem Radweg kommen mir viele Fernradler mit mürrischen Gesichtern entgegen. Ok, es hat geregnet und sie haben Gegenwind. Das ist doof, aber doch nicht soo schlimm. Noch ahne ich nicht den vermutlich wahren Grund, der auch mir bald die Laune verdirbt.
Auf diesem Abschnitt gibt es 2 Sperrwerke, über die Krückau und die Pinnau, die bestimmte kurze Öffnungszeiten für Radfahrer haben und ich hoffe, dass es gut geht, weil ich ja schon spät bin. Wenn man nicht rüber kommt, heißt das 30 km Umweg über Elmshorn.
Es hat perfekt geklappt.

Aber auf diesem Abschnitt gibt es auch wieder Schafe ….. Viele

Und die müssen alle mal….und das Ganze jetzt in NASS

Das ist tatsächlich der Radweg. Ich glaube, ich gucke jetzt auch mehr als mürrisch.

Wenn man zu schnell fährt, spritzt es bis in Augenhöhe. Endlich weiß ich warum die Norddeutschen zu Regenwetter Schietwetter sagen. Ich finde es ekelhaft und ja, man riecht es (mich) auch.

Das Fahrrad, meine Schuhe (man muss ja absteigen wegen der Gatter), die Pedalen sind komplett versifft. So lässt mich kein Hotel rein 😦 . Zum Glück finde ich in Wedel ein Kärcherzentrum, in der Hoffnung, dass danach im Nobelviertel Blankenese die Straßen sauber sind.

Ich entspanne erst, als alles wieder sauber ist. Vielleicht bin ich ein bisschen zu empfindlich, obwohl ich ja eigentlich kein Stadtkind bin. Aber das brauche ich einfach nicht zum Glücklichsein.
Meine Rechnung mit den sauberen Wegen geht auf.

Luxus ist schon schön.

In Hamburg werde ich herzlichst mit offenen Armen empfangen (obwohl ich vielleicht komisch rieche) und es gibt am Fischmarkt nochmal Matjes in bester Gesellschaft. Danke!
Eigentlich kenne ich in Hamburg fast alles, was man kennen sollte, da ich oft auf Dienstreisen hier war und ein paar Monate hier gelebt habe. Ich habe es mir auch abgewöhnt, Erinnerungen aufzufrischen. Das geht meistens schief, da sich das Umfeld und Bedingungen geändert haben. Das ist wie mit dem tollen Wein, den man aus dem Urlaub mitbringt und der zu Hause ganz anders schmeckt. Man hat die Emotionen eben nicht mitgebracht.
Deshalb fahre ich nur kurz ein wenig durch diese wunderbare Stadt, freue mich, hier zu sein und schaffe mir einfach neue Erinnerungsmomente. Es gibt überall Radwege und sie sind nicht zugeparkt und werden von Fußgängern respektiert. Großartig! Für mich ist Hamburg mit Abstand die schönste Stadt Deutschlands.

von Elpersbüttel nach Glückstadt

Wenn man nicht in so feinen Hotels übernachtet, lernt man viel leichter Menschen kennen und auch viel Interessantere. So war ich heute morgen mit einem Herrn aus Holland im Frühstücksraum. Die „Verrückten“ sind immer die ersten beim Frühstück, weil die schon unterwegs sind, wenn der gemeine Urlauber aufsteht.
Nun also ein Holländer, der zu Fuß Deutschland an seiner Außengrenze umrundet. In den Niederlanden, in Belgien und Luxemburg hat er es auch schon getan. Ein Freak. Wir hatten uns viel zu erzählen und die Dame vom Hotel stand mit offenem Mund dabei. Ich meine zu wissen, was sie dachte.

Inspiriert und beruhigt, dass ich vielleicht nur ein bisschen verrückt bin, schwinge ich mich auf mein Fahrrad und radle immer im Zickzack durch tiefstes Dithmarschen. Lange ist am Horizont der Dom von Meldorf zu sehen.

Waldgebiete nehmen jetzt zu, hier schöne Kiefernwälder, denen der sandige Boden gefällt.

Holländisch inspiriert wird man nicht nur beim Frühstück.

Bei St. Michaelisdonn entscheide ich mich für einen Abstecher in den Naturpark der Klev und Donnlandschaft.

Als Aussichtspunkt vom Klev auf die Marsch wird der Bismarckstein angepriesen. Ich mag „Fährste-rauf-rauf-kannste-runter-gucken-Erlebnisse“. Also los! Ich komme mir vor wie im Spessart. Steile Waldwege nur mit dem Unterschied, dass der Boden sandig ist. Der Wald ist toll und anders als im Spessart.

Ich erreiche natürlich auch den Stein, aber Runtergucken in die Marsch ist nicht möglich. Es ist alles zugewachsen. Man kann aber die wirklich interessante Abbruchkante erahnen.

Ein bisschen enttäuscht radle ich zurück auf den Nordseeküstenradweg und erreiche nach einiger Zeit Brunsbüttel.

Mit der Fähre geht es über den Nord-Ostsee Kanal. Der Kanal verbindet die Ostsee mit der Nordsee und gehört weltweit zu den meist befahrenen künstlichen Wasserstraßen. Fast 30 000 Schiffe fahren jährlich hier durch. Als ich nach dem Fährpreis frage, erfahre ich, dass der Kaiser Wilhelm das schon alles bezahlt hat. Perfekt, der Gute.

Mit anhaltend kräftigem Rückenwind geht es jetzt weiter an der Elbe. Es hätte alles so schön sein können, wäre mir da nicht die Fahrradtasche hinten rechts abgerissen. Das Dithmarscher Kopfsteinpflaster war ihr wohl zu viel. An einer Stelle, die schöner nicht hätte sein können, muss ich alles ausräumen. Das Werkzeug ist natürlich ganz unten in der anderen Tasche. Die Kaputte ausräumen und reparieren. Und als alles so da liegt, trifft mich der einzige Regenschauer Schleswig Holsteins. Meine Stimmung passt sich der Umgebung an.

Als alles wieder heil ist und ich den Elbdeich überquere, bessert sich meine Laune. Schafe OHNE Gatter, ein freundliches „Mäh“ und vorbei ziehende Schiffe. Cool!

Dann taucht das Kernkraftwerk Brokdorf auf. Für meine Generation ein Symbol für Widerstand und Protest. Und Recht hatten wir !!! Spätestens am 31.12.2021 muss es komplett abgeschaltet sein.

Der nächste Abstecher führt mich nach Wewelsfleth zur Vergangenheit meiner Schwiegerfamilie. Der Liebste wurde hier geboren. Meine Schwiegereltern waren Geflüchtete aus Ostpreußen und wurden auf einem Bauernhof in Dithmarschen untergebracht (natürlich nicht im Haus). So ist der Liebste dort im Stall geboren und befindet sich damit in durchaus prominenter Gesellschaft. Trotzdem ist er ein kräftiger, gesunder Mann geworden 🙂

Von dort ist es nicht mehr weit nach Glückstadt, dem heutigen Etappenziel. Glückstadt ist auf einem sechseckigen Grundriss errichtet. Den Mittelpunkt bildet der Marktplatz mit dem Rathaus und der Kirche, auf den sieben Straßen radial zulaufen. Der historische Grundriss ist bis heute erhalten und stellt damit ein in Schleswig-Holstein seltenes Beispiel einer Stadt „vom Reißbrett“ dar.

Ein Bummel zum Hafen ist auf jeden Fall lohnend,

Außerdem ist Glückstadt die Hochburg der Matjesverarbeitung. Wo soll man den besten Matjes überhaupt bekommen, wenn nicht hier? Ein Insider hat mir dringend geraten, ihn nicht zu verpassen. Zudem gibt es „den kleinen Heinrich“, das Traditionslokal am Marktplatz.
Es war wirklich superlecker. Danke für den Tipp.

 

von Husum nach Elpersbüttel

Heute morgen hatte ich das Gefühl, dass ich genug Schäfchen gezählt und genug Schafgatter bedient habe. So kommt es spontan zu einer Planänderung. Statt weiter dem Nordseeküstenradweg zu folgen, nehme ich den Tipp einer lieben Kollegin an und fahre nach Friedrichstadt. Zugegebenermaßen hatte ich von diesem Ort noch nie etwas gehört. Also nix wie hin. Auf feinen aber unspektakulären Radwegen geht es mit viel Rückenwind schnell dahin. Schon nach einer Stunde bin ich im für mich nordfriesischen Neuland.

Zwischen Eider und Treene liegt Friedrichstadt. Es wird beworben als Grachtenstadt und Klein-Amsterdam. Und es ist ganz zauberhaft. Ich kann mich gar nicht satt sehen.

Mitten im Ort gibt es eine ganze Reihe von holländisch anmutenden Häusern, gruppiert um einen sehr schönen Platz.

Ich bin begeistert. Die Nordfriesen haben doch tatsächlich ihre Piazza nicht mit Autos zugestellt, jedenfalls nicht komplett. So kann man das Ensemble ungestört genießen, Verweilen und Schauen. Auch ein Bummel durch die kleinen Gassen ist sehr lohnend.

Und überall blühen Rosen.

Danke, Jenny, es war wunderbar.

Der weitere Weg nach Heide verläuft genauso unspektakulär, bis auf einige Alleen aus wunderschönen alten Eichen. Bei uns wären die wegen der Eichenprozessionsspinner alle gesperrt. Die gibt es hier anscheinend nicht oder es interessiert keinen…. zum Glück.

Vielleicht reicht mit ein bisschen gesundem Menschenverstand auch ein nettes Schild anstatt eines Verbots.

Leichter gesagt als getan. Es ist kalt. Ich überlege, ob ich aus den Tiefen meiner Taschen meine Handschuhe hervor krame. Immer wieder kommen mir Nordfriesen in kurzen Hosen und T-Shirt auf dem Fahrrad entgegen. Ich bin ein Weichei 😦 . Vor meinem geistigen Auge taucht heiße Schokolade mit einem Berg Schlagsahne auf. Da erreiche ich Heide. Die Stadt hat den größten umbauten Marktplatz Deutschlands. Ich liebe ja Superlative und freue mich drauf. Und was machen sie? Einen Parkplatz!

Da hab ich schon gleich nicht mehr viel Lust, noch weiter zu schauen. Und es gibt auch nicht wirklich viel zu sehen. Heide ist eine Wohn- und Einkaufsstadt. Schnucklig ist hier nix, oder ich habe es einfach nicht gefunden.

Lange muss ich suchen bis ich ein Eiscafe finde, um das nicht der Wind fegt. Aber dann werden Träume wahr und mir wird endlich warm.

Ich besuche noch das Wahrzeichen Heides, den Wasserturm und radle dann weiter zu meinem heutigen Ziel in Elpersbüttel.

Egal von welcher Richtung man sich Meldorf nähert, man sieht den Dom, der eigentlich keiner ist, weil Meldorf nie Bischofssitz war. Überdimensional groß überragt er den Ort. Leider kann ich die Kirche, die als eine der Schönsten an der norddeutschen Westküste gilt, von Innen nicht besuchen.

Der Marktplatz ist auch sehr nett.

Direkt am Dom beschließe ich einen gelungenen Tag mit einem sehr gelungenen Fisch-Abendessen.

von Niebüll nach Husum

Früh am Morgen geht es los, denn ich möchte endlich an der Nordsee entlang gen Süden radeln. Durch nordfriesische Idylle und dieser wunderbaren Sonntagmorgenruhe geht es schnurgerade gen Westen. Alle Menschen, denen ich begegne (viele sind es nicht, und das ist gut so, habe ich gestern erfahren 😉 ) schenken mir dieses so fröhlich gesungene „Mohiiin“

Dann sind endlich die Küste und das Wattenmeer erreicht. Es gibt einen Radweg vor dem Deich und einen dahinter. Ich entscheide mich für davor. Wenn ich schon hier bin, will ich auch das Meer sehen, auch bei Ebbe.

Vor dem Deich sind allerdings auch die Schafe und die haben Gatter. Auf den 80 km bin ich gefühlte 100 Mal abgestiegen, habe Gattertüren mit verschiedensten Mechaniken, Gewichten und unterschiedlichem Komfort aufgemacht, habe mich durchgequetscht und hab sie wieder gut verschlossen, damit die Süßen nicht ausbüxen.

Und nein: auch wenn der Schafblick noch so traurig ist. Du kannst NICHT mitfahren.

Süß sind sie ja, aber ich hatte gut zu tun, um meine Schuhe, die Pedalen und die Reifen von ihren Hinterlassenschaften zu befreien. Natürlich haben wir uns auch unterhalten. Nicht nur dänisch sollte man hier können. Schließlich ist das hier die Schafheimat. So habe ich jedes „Mäh“ mit einem genauso freundlichen „Mäh, Mäh“ erwidert.
Das ist anscheinend die Infantilisierung der Radlerin bei reizarmer Geradeaus-Landschaft.

Ach ja, und Windräder gab es auch. Mehr als genug.

Toll war der kräftige Rückenwind. Ein echter Genuss. Aber bei dem Wetter wollen offensichtlich noch nicht mal die Nordfraschlönjs baden.

Endlich nähere ich mich Husum. Die Rosenhecken auf den Trockenmauern sieht man hier überall und ich bin immer wieder begeistert.

Husum ist bekannt als Theodor Storms „graue Stadt am Meer“. Theodor Storm ist wegen seiner bekannten Novellen einer der meistgelesenen deutschen Dichter. Wer kennt nicht aus der Schule den „Schimmelreiter“ in dem gelben Reclam-Heft. Die Geschichte über den Kampf eines Menschen und sein Scheitern ist immer aktuell.
Grau habe ich diese Stadt nicht empfunden. Am Abend war die Außengastronomie brechend voll und bunt war es auch.

Das Schloss ist unbedingt einen Besuch wert.

Ich wohne, wie sich das in Husum gehört, sehr stilvoll im Theodor Storm Hotel.

Oft komme ich bei solchen langen Fahrradtouren am Abend nur schwer zur Ruhe. Der Körper arbeitet immer noch weiter. Die Achtsamkeit lässt nur langsam nach. Alle Sinne, die den ganzen Tag angesprochen werden, fahren nur verhalten runter. Die vielen Eindrücke und die hohe Erlebnisdichte wollen verarbeitet werden. Das ist suboptimal, da ausreichend Schlaf schon wichtig wäre. Da braucht es Techniken. Ich entscheide mich heute für Schäfchenzählen.
Gute Nacht.